Smartphone hier, Virtual-Reality-Brille da, die digitale Revolution hat Fahrt aufgenommen. Naht damit das Ende von Gesellschaftsspielen? Im Gegenteil! Analoge Brettspiele reiten auf der Erfolgswelle und brechen Jahr für Jahr neue Rekorde. Die Gründe verblüffen.

Inhaltsverzeichnis:

    Neue Technologien sind reizvoll. Brille aufsetzen oder Smartphone zücken und sofort mit Leuten auf der ganzen Welt loszocken. Dagegen wirken Gesellschaftsspiele altmodisch und verstaubt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie verschwinden. Oder doch nicht?

    Sie wurden schon mehrere Male totgesagt, aber analoge Spiele sind für die Ewigkeit. Egal ob Playstation, Smartphone oder VR-Brille, das klassische Brettspiel bleibt ein Teil unserer Gesellschaft. Das ist kein Wunder. Texte wurden schliesslich auch nicht von Videos verdrängt. Die Fakten:

    1. 182 000 Besucher an der «Spiel» in Essen 2017.
    2. Die Reihe «Catan» verkaufte sich über 25 Millionen Mal.
    3. Auf Kickstarter sind analoge Spiele beliebter als Videospiele.

    Die Branche boomt. Das steht ausser Zweifel. Woher kommt der Erfolg? Paradoxerweise entpuppt sich die Digitalisierung als Katalysator für die Schachtelspiele. Für das einzigartige Comeback gibt es viele Gründe. Drei davon erachte ich als besonders wichtig.

    Sorgenfreies Kopfkino

    Im Hier und Jetzt versunken, tauche ich in eine realitätsferne Spielwelt. Meine Rollen sind aussergewöhnlich, aufregend und vielseitig: Manchmal bin ich ein bescheidener Bohnenbauer, dann befinde ich mich auf der Flucht und zuweilen kämpfe ich als Monster um die Vorherrschaft Tokyos.

    Bohnanza
    Bohnanza14,90 CHF
    Kein Spiel für Erbsenzähler! Wer glaubt, Bohnen seien nur einfaches Gemüse, liegt falsch. Bei...
    Scotland Yard - Swiss Edition
    Scotland Yard - Swiss Edition39,90 CHF
    Mister X® ist wieder auf freiem Fuss und hält sich in der Schweiz versteckt! Scotland Yard ist...
    King of Tokyo
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    Ein wildes Spiel für zwei bis sechs Spieler, in welchem Monstermutanten, Riesenroboter und andere...

    Ein Gesellschaftsspiel ist wie eine Abenteuerreise: Ich weiss nie, was mich erwartet und schon gar nicht, wie es ausgeht. Die Reise spielt sich oberflächlich betrachtet auf dem Tisch ab. Gleichzeitig dichtet mein Gehirn eine einzigartige Geschichte. Fantasie pur!

    Wenn ich spiele, gerate ich einen «Flowzustand». Dieses Phänomen ist schwer zu beschreiben. Aber glaub mir, es fühlt sich einfach grossartig an. Die Sorgen aus dem Alltag sind vergessen. Der Stress ist weggeblasen. Ob man gewinnt oder verliert, ist zweitrangig.

    Wenn du regelmässig spielst, weisst du, wovon ich spreche. Vor Kurzem habe ich das Kickstarter-Projekt «Who goes there?» verfolgt. Sein Trailer erzählt in 96 Sekunden, was ich beim wöchentlichen Spieleabend erlebe:

    Die Branche entwickelt sich

    Bereits vor Jahrzehnten gab es brillante Spieleerfinder, die uns ein Kopfkino bescherten. Mit «Monopoly», «Risiko» oder «Spiel des Lebens» waren sie ihrer Zeit voraus. Die Geniestreiche sind nach wie vor beliebt, aber heute gibt es bessere Spiele. Geschmacksfrage hin oder her.

    Das Schachtelspiel hat eine beachtenswerte Entwicklung hinter sich. Wie das Telefon, das sich zum Smartphone gewandelt hat. Kaum wiederzuerkennen, nur die Grundfunktion ist gleich.

    Noch hat die Brettspielwelle nicht alle Wohnzimmer erreicht. Wir von spielezar.ch möchten das ändern. Jeden Montag stellen wir in unserem Blog ein Gesellschaftsspiel vor. Unsere Leser entdecken die einzigarte und zugleich dynamische Branche in knackiger Form.

    Klaus Teuber hat 1995 mit «Die Siedler von Catan» eine neue Epoche eingeläutet. Seither erscheinen jährlich über 1000 neue Spiele. Nicht alle besitzen das Zeug zum Verkaufsschlager, aber jeder Jahrgang offenbart einzigartige Perlen. Die Innovation analoger Spiele kennt keine Grenzen.

    Wie «Mombasa» oder «Codenames» beweisen, spricht der Markt für Gesellschaftsspiele ein breites Publikum an. Ob komplex oder simpel, beide sind auf ihre Art toll! Die Mechanik von Codenames ist so einfach und geschmeidig. Das hätte man auch vor 50 Jahren erfinden können. Wurde es aber nicht. Erst 2015 war die Zeit reif dafür.

    Figuren aus Gloomhaven (Quelle: imgur.com) The Gallerist (Quelle: kickstarter.com)

    Bildquellen: Gloomhaven (imgur.com) und The Gallerist (kickstarter.com)

    Die fortschrittliche Technik verändert Gesellschaftsspiele. Hübsche Designs werden digital entworfen und gedruckt. Der 3D-Drucker erlaubt detailreiche Spielfiguren, von denen wir vor wenigen Jahren noch geträumt haben. Heute sind sie Realität – wenn man genügend bezahlt.

    Der gesellschaftliche Wandel

    Wo die Sonne scheint, ist Schatten nicht weit. Das gilt auch für die Digitalisierung. Es geht hier nicht darum, die Zukunft zu verteufeln. Als Onlineshop-Betreiber wäre das gelinde gesagt absurd. Dennoch darf man den gesellschaftlichen Wandel nicht schönreden.

    Dank Smartphone und Facebook sind wir ständig in Kontakt. Statt Beziehungen zu vertiefen, führen wir sie oberflächlich. Die direkte Kommunikation erlebt eine Krise. Wir eilen mit Kopfhörern durch die Gegend, als würde die Umwelt nicht existieren. Mit unserer Haltung vermeiden wir spontane Gespräche oder anregende Diskussionen.

    Viele Menschen sehnen sich nach Ruhe, nach familiärem Beisammensein oder nach einem gemütlichen Familienabend. Gesellschaftsspiele besitzen diese Macht. Beim Spielen agieren wir direkt mit unseren Mitmenschen. Wir entwickeln Empathie. Die Emotionen sind echt. Nicht zu vergleichen mit der «Fakewelt» auf Instagram & Co.

    Unsere Gesellschaft prägt. Sie macht einsam. Man sehnt sich wieder vermehrt nach echten Kontakten und Freundschaften. Da analoge Spiele alle Generationen ansprechen, sind sie ein perfektes Bindeglied. Alter, Religion oder kultureller Hintergrund haben keine Bedeutung. Gesellschaftsspiele kennen keine Grenzen.

    Woody und Gesellschaftsspiele

    In «Toy Story» erzählt Pixar eine herzergreifende Geschichte von «Woody». Einst der grosse Held, macht sich das Cowboy-Spielzeug Sorgen um seine Zukunft. Die Kinder spielen nicht mehr mit ihm. Er ist altmodisch. Die actiongeladene Konkurrenz um «Buzz Lightyear» läuft ihm den Rang ab.

    Woody und Gesellschaftsspiele benötigen keine Spezialeffekte.

    Bildquelle: Woody (bluemaize.net)

    Droht dem Brettspiel ein ähnliches Schicksal in der Zukunft? Ich denke nicht. Brettspiele und Woody haben einiges gemeinsam. Sie benötigen keine Spezialeffekte. Ihr Charakter macht sie einzigartig. Sie bringen unterschiedliche Gemüter zusammen und sorgen für positive Emotionen. Das ist es, was zählt.