Alle Schachweltmeister: von Steinitz bis Gukesh

64 Felder, zwei Spieler und eine Uhr, die gnadenlos tickt. Schach ist weit mehr als das Ziehen von Figuren – es ist ein Spiel, das Brillanz, Nervenstärke und manchmal auch Schwächen offenlegt.

Von den rauchigen Salons des 19. Jahrhunderts bis zu den kühlen Computer-Analysen von heute: Die Geschichte der Schachweltmeister ist eine Reise voller Dramen, Exzentriker und unvergesslicher Partien.

In diesem Beitrag nehmen wir dich mit hinter die Kulissen und zeigen dir die Menschen hinter den Zügen, ihre grossen Duelle – und warum manche als unbesiegbar galten, bis sie doch ihren Meister fanden.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Pioniere: Wie Steinitz und Lasker aus dem wilden Spiel eine Wissenschaft formten.
  • Die Rote Maschine: Wie die sowjetische Schachschule von Botwinnik bis Kasparow den Rest der Welt über Jahrzehnte dominierte.
  • Der Kalte Krieg: Warum das Duell zwischen Fischer und Spasski die ganze Welt in Atem hielt.
  • Die Moderne: Wie Carlsen zum GOAT des Schachs wurde und Gukesh nun eine neue Ära einläutet.

Wilhelm Steinitz (1886–1894)

Wilhelm Steinitz

Stell dir vor, du spielst Schach im 19. Jahrhundert. Es ist wild, Figuren werden geopfert, Hauptsache Angriff. Und dann kommt Wilhelm Steinitz. Der gebürtige Prager (1836–1900) war der Erste, der sagte: «Moment mal, das ist doch Quatsch.»

Seine Dominanz begann lange vor dem offiziellen Titel. Bereits 1866 besiegte er Adolf Anderssen, den König des Angriffsschachs, in einem spektakulären Wettkampf und galt fortan als inoffizieller Weltbester. Was folgte, war eine beispiellose Serie: Über 30 Jahre blieb Steinitz in direkten Matches ungeschlagen. Er dominierte Turniere in London (1872) und Wien (1873) und deklassierte Gegner wie Blackburne, oft ohne eine einzige Partie zu verlieren.

Der offizielle Ritterschlag folgte 1886, als er Johannes Zukertort mit 12,5:7,5 besiegte und der erste anerkannte Schachweltmeister wurde. Doch sein wichtigster Sieg war ein intellektueller. Er lehrte die Welt, dass man nicht einfach wild angreifen kann, sondern erst kleine, positionelle Vorteile sammeln muss. Wie ein Eichhörnchen, das Nüsse für den Winter hortet.

Diese neue, kühle Logik machte ihn nicht gerade beliebt. Sein Rivale Adolf Anderssen lästerte:

Kolisch ist ein Strassenräuber und richtet die Pistole auf deine Brust. Steinitz ist ein Taschendieb, er stiehlt einen Bauern und gewinnt damit eine Partie.

Doch Steinitz behielt am Ende recht. Er verteidigte seine Theorien nicht nur am Brett, sondern auch mit der Feder. In leidenschaftlichen Artikeln lieferte er sich erbitterte Wortgefechte mit seinen Kritikern. Diese öffentlichen Auseinandersetzungen gingen als „Tintenschlacht“ in die Schachgeschichte ein.

Spätere Weltmeister wie Emanuel Lasker und Wladimir Kramnik verneigten sich vor seinem geistigen Vermächtnis. Lasker nannte ihn einen "Denker, der einen Platz in den Hallen einer Universität verdient hätte".

Abseits des Brettes lief es für ihn weniger planbar: Finanzielle Sorgen und Schicksalsschläge begleiteten ihn, und er starb verarmt in New York. Doch sein Erbe ist unsterblich: Wer heute Schach lernt, lernt im Grunde Steinitz.

Emanuel Lasker (1894–1921)

Emanuel Lasker

27 Jahre. Eine Ewigkeit im Sport. So lange trug Emanuel Lasker die Krone des Schachweltmeisters – ein Rekord, der bis heute ungebrochen ist. Doch er verwaltete den Titel nicht nur. Er verteidigte ihn mit eiserner Faust gegen die Besten seiner Zeit.

Seine Dominanz war überwältigend: 1894 entthronte er Steinitz mit zehn Siegen deutlich. In den folgenden Jahrzehnten biss sich die Weltelite an ihm die Zähne aus. Ob gegen den dogmatischen Siegbert Tarrasch, den wilden Frank Marshall oder das polnische Genie Dawid Janowski – Lasker blieb an der Spitze. Auch in Turnieren war er eine Klasse für sich. Seine Siege in St. Petersburg (1896, 1914) und New York (1924) gelten als Meilensteine, bei denen er oft weit vor der Konkurrenz landete.

Sein Geheimnis? Wer glaubt, Schach sei reine Mathematik, hat die Rechnung ohne Lasker gemacht. Der Deutsche (1868–1941) erkannte als Erster, dass auf der anderen Seite des Brettes ein Mensch aus Fleisch und Blut sitzt. Lasker spielte nicht immer den objektiv „besten“ Zug, sondern jenen, der seinen Gegner am meisten quälte. Er lockte sie in komplizierte Stellungen, in denen sie rasch die Übersicht verloren. Während Tarrasch über Laskers „unwissenschaftliches Glück“ schimpfte, sammelte Lasker unbeirrt weiter Punkte.

Doch Lasker war weit mehr als nur ein genialer Spieler am Brett. Er war promovierter Mathematiker, Philosoph und eng befreundet mit niemand Geringerem als Albert Einstein. Einstein bewunderte seinen Intellekt, fragte sich aber auch:

Wie kann ein so talentierter Mann sein Leben so etwas wie Schach widmen?

Lasker hatte darauf eine pragmatische Antwort: Geld. Er hatte gesehen, wie sein Vorgänger Steinitz in Armut starb, und schwor sich, dass ihm das nicht passieren würde. Er forderte als Erster hohe Antrittsgelder und Honorare. Damit machte er sich bei Veranstaltern unbeliebt, legte jedoch den Grundstein für das moderne Berufsschach. Tragischerweise holte ihn die Weltgeschichte dennoch ein: Als Jude musste er vor den Nazis fliehen, verlor sein Vermögen und starb 1941 im New Yorker Exil.

José Raúl Capablanca (1921–1927)

Jose Raul Capablanca

Man nannte ihn die "Schachmaschine" oder den "Mozart des Schachs". José Raúl Capablanca (1888–1942) war das genaue Gegenteil von Lasker oder Steinitz. Er musste nicht kämpfen oder grübeln, ihm flogen die Züge scheinbar mühelos zu.

Die Legende besagt, dass er das Spiel bereits mit vier Jahren lernte, nur indem er seinem Vater zusah. Mit 13 war er kubanischer Meister, später schlug er die Weltelite nach Belieben. Seine Dominanz war furchteinflössend. Zwischen 1916 und 1924 verlor er keine einzige Turnierpartie. Acht Jahre lang ungeschlagen!

1921 reiste er nach Havanna, um dem alternden Lasker die Krone abzunehmen. Er gewann souverän (+4 =10 -0) und verlor dabei keine einzige Partie. Capablanca spielte so rein, so fehlerfrei und kristallklar, dass Gegner oft das Gefühl hatten, gegen eine höhere Macht zu spielen. Besonders in Endspielen war er eine Klasse für sich. Selbst Bobby Fischer, der selten lobte, schwärmte später von Capablancas "leichtem Touch".

Doch sein Genie verleitete ihn offenbar auch zur Lässigkeit. Capablanca verliess sich so sehr auf sein Talent, dass er angeblich weit weniger trainierte als seine erbitterten Konkurrenten. Er genoss seinen Ruhm, galt als charmanter Frauenheld und war ein echter Star seiner Zeit. 1925 spielte er sogar sich selbst im Stummfilmklassiker "Schachfieber".

Dabei war der Kubaner trotz seines Starstatus äusserst nahbar und liebte es, in Cafés gegen Amateure zu spielen. Eine berühmte Anekdote erzählt von einem Fremden, der ihn dort herausforderte. Capablanca stellte das Brett auf und gab seinem Gegner sofort eine Dame vor. Als sich der Mann empört beschwerte, wie Capablanca ihm eine solche Vorgabe geben könne, wo man sich doch gar nicht kenne, antwortete der Weltmeister seelenruhig: „Mein Herr, wenn Sie mich schlagen könnten, würde ich Sie kennen."

Böse Zungen behaupten, dass ihn Damenbesuche manchmal mehr aus der Ruhe brachten als gegnerische Züge: Einmal soll er einen groben Fehler gemacht haben, als sowohl seine Ehefrau als auch seine Geliebte gleichzeitig im Turniersaal auftauchten.

Diese Laissez-faire-Einstellung rächte sich 1927, als er auf den besessenen Arbeiter Alexander Aljechin traf. Capablanca hatte Aljechin zuvor mehrmals geschlagen und unterschätzte ihn völlig. Er verlor den Titel in einem zermürbenden Marathon-Match in Buenos Aires.

Tragischerweise bekam er nie die Chance auf eine Revanche. Aljechin wich ihm jahrelang aus und nutzte dabei ironischerweise die strengen Regeln (hohes Preisgeld etc.), die Capablanca einst selbst etabliert hatte, um klare Bedingungen für das Recht auf einen Zweikampf zu definieren. Capablanca blieb bis zu seinem Tod ein Weltklassespieler, doch die Krone trug er nie wieder.

Buchtipp: Der Roman «Die letzte Partie» von Fabio Stassi beleuchtet sein Leben und die tragische Suche nach der Revanche.

Alexander Aljechin (1927–1935, 1937–1946)

Alexander Aljechin

Alexander Aljechin (1892–1946) war einer der kompromisslosesten Kämpfer, die je die Schachkrone trugen. Während Capablanca für sein leichtes, natürliches Talent bewundert wurde, stand Aljechin für unbändigen Willen, tiefe Vorbereitung und aggressive Spielweise.

Sein Meisterstück lieferte er 1927. Die Schachwelt hielt den Kubaner Capablanca für unbesiegbar. Doch Aljechin analysierte den Stil seines Gegners monatelang bis ins kleinste Detail. In einem nervenaufreibenden Marathon über 34 Partien in Buenos Aires schaffte er die Sensation: Er zwang das Naturtalent in die Knie.

Was folgte, war eine der dominantesten Phasen der Schachgeschichte. Aljechin gewann Turniere nicht einfach, er deklassierte das Feld. In San Remo 1930 und Bled 1931 siegte er mit einem so gewaltigen Vorsprung, dass der amtierende Weltmeister fast in einer eigenen Liga zu spielen schien. Eine solch erdrückende Überlegenheit sah die Schachwelt später erst wieder bei Bobby Fischer oder Garry Kasparow.

Auch theoretisch war er ein Revolutionär. Mit der Aljechin-Verteidigung (1. e4 Sf6) provozierte er seine Gegner bereits im ersten Zug. Er lud das weisse Bauernzentrum ein, ihn zu erdrücken, nur um es später als Schwäche zu entlarven und taktisch zu zerpflücken.

Doch Aljechins grösster Gegner war oft er selbst. 1935 verlor er den Titel überraschend an den Niederländer Max Euwe – viele munkelten, sein Lebensstil und der Alkohol hätten ihren Tribut gefordert.

Aljechin blieb ein Kämpfer. Er schwor dem Alkohol ab, trainierte wie ein Mönch und holte sich die Krone 1937 in einem fulminanten Rückkampf zurück. Damit war er der erste Weltmeister, dem dieses Kunststück gelang.

Seine Biografie hat jedoch auch dunkle Kapitel. Während des Zweiten Weltkriegs erschienen unter seinem Namen antisemitische Artikel, die das "jüdische Schach" verunglimpften. Bis heute streiten Historiker: War Aljechin ein Überzeugungstäter? Oder schrieb er das Unaussprechliche nur, um sich und seine Frau im besetzten Frankreich vor den Nazis zu schützen? Die Tatsache, dass er jüdische Schachfreunde hatte und einem sogar das Leben rettete, macht die Einordnung schwierig.

1946 starb er als amtierender Weltmeister einsam in einem Hotelzimmer in Portugal. Man fand ihn tot in seinem Sessel – vor ihm, so heisst es, stand ein Schachbrett.

Max Euwe (1935–1937)

Max Euwe

Zwischen all den besessenen Profis wirkt Dr. Machgielis «Max» Euwe (1901–1981) wie ein Aussenseiter – und genau das macht seine Geschichte so faszinierend. Euwe war kein weltfremdes Schachgenie, sondern ein Mann, der mitten im Leben stand.

Er promovierte in Mathematik, arbeitete als Lehrer und entspannte sich beim Klavier- oder Geigenspiel. Für ihn war Schach lange Zeit "nur" ein ernsthaftes Hobby, das er mit wissenschaftlicher Akribie betrieb.

Doch 1935 schrieb er die ultimative Underdog-Geschichte. Er trat gegen den furchteinflössenden Alexander Aljechin an, ein klassisches David-gegen-Goliath-Duell. In der berühmten "Perle von Zandvoort" demonstrierte er, wie man durch kühle Berechnung selbst die wildeste Angriffswut bändigt.

Euwes Vermächtnis jedoch ist grösser als dieser eine Titel. Als Lehrer glaubte er fest daran, dass Schach keine Magie, sondern erlernbar ist. "Jeder Spieler kann seine Spielstärke verbessern", war sein Credo. In über 70 Büchern demokratisierte er das Wissen der Meister. Sein klarer, logischer Stil prägte Generationen von Spielern.

Eine köstliche Anekdote zeigt seine bescheidene und humorvolle Art: Während einer Zugfahrt analysierte Euwe eine Stellung auf einem kleinen Taschenschachspiel. Ein Mitreisender forderte ihn kurzerhand zu einer Partie heraus und verlor mehrfach haushoch. Völlig fassungslos sagte der Fremde am Ende: „Das ist mir noch nie passiert! Ich bin der stärkste Spieler in meinem Klub, wo sie mich ehrfürchtig 'den kleinen Euwe' nennen." Er hatte nicht im Geringsten erkannt, dass er gerade gegen den echten Euwe untergegangen war.

Seine vielleicht schwierigste Partie spielte er jedoch abseits des Brettes: Als FIDE-Präsident (1970–1978) musste er den Schachbund durch die heisseste Phase des Kalten Krieges manövrieren.

Euwe stellte Moral über Politik, was ihn oft auf Konfrontationskurs mit dem mächtigen sowjetischen Schachverband brachte. Er war es, der 1972 mit diplomatischer Meisterleistung das legendäre Match zwischen Fischer und Spasski rettete, als dieses zu platzen drohte. Boris Spasski zollte ihm dafür später Respekt:

Er hätte Fischer sicher nicht disqualifizieren sollen ... Aber Euwe war natürlich der richtige Mann für den Job.

Michail Botwinnik (1948–1957, 1958–1960, 1961–1963)

MIchail Botwinnik

Michail Botwinnik (1911–1995) war eine Persönlichkeit aus Stahlbeton. Er läutete die Ära der sowjetischen Dominanz ein, als er 1948 das Weltmeisterschaftsturnier in Den Haag sowie Moskau souverän gewann – mit drei Punkten Vorsprung vor der Weltelite.

Botwinnik war kein Künstler, sondern ein Wissenschaftler. Sein Stil war universell, trocken und von unerbittlicher Logik geprägt. Er suchte nicht nach Schönheit, sondern nach der "Wahrheit" in jeder Stellung. Seine Partien waren strategische Meisterleistungen, in denen er Risiken mied und den Gegner systematisch überspielte.

Er bereitete sich zudem physisch und psychologisch akribisch vor: Als Nichtraucher liess er seinen Trainingspartner Ragosin absichtlich Kette rauchen und ihm den Qualm ins Gesicht blasen, um sich abzuhärten. Wenn es im Turniersaal laut werden konnte, trainierte er bei laufendem Radio. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Seine Karriere ist einzigartig dank seines Stehaufmännchen-Talents. Botwinnik verlor den Weltmeistertitel zweimal und holte ihn sich zweimal zurück:

  • 1957 unterlag er dem harmonischen Wassili Smyslow. Im Reveanchekampf ein Jahr später hatte er Smyslows Stil entschlüsselt und besiegte ihn deutlich.
  • 1960 überrollte ihn das junge Taktik-Genie Michail Tal. Die Schachwelt feierte den Wechsel, doch Botwinnik zog sich in sein Labor zurück, analysierte Tals wilde Opfer als oft "inkorrekt" und zwang ihm im Rückkampf 1961 trockene, strategische Stellungen auf. Tal blieb chancenlos.

Doch seine Machtbasis war umstritten. Botwinnik nutzte seine exzellenten Kontakte zur sowjetischen Führung durchaus, um seine Position zu festigen. 1951 verteidigte er seinen Titel gegen den genialen David Bronstein nur knapp mit einem 12:12-Unentschieden. Bis heute halten sich hartnäckige Gerüchte, wonach Bronstein, dessen Vater im Gulag sass, politisch unter Druck gesetzt wurde, nicht gegen den Favoriten des Regimes zu gewinnen. 

Privat war Botwinnik ein Kuriosum. Er sah sich primär als Ingenieur. Er promovierte in Elektrotechnik und arbeitete auch als Weltmeister weiter an der Universität. Später widmete er sich ganz seiner berühmten Schachschule. Dort formte er die Zukunft: Anatoli Karpow, Garry Kasparow und Wladimir Kramnik gingen alle durch seine harte Schule. Dabei ist es fast ironisch, dass Botwinnik über den jungen Anatoli Karpow anfangs vernichtend urteilte:

Dieser Junge hat keinen blassen Schimmer vom Schach und es gibt absolut keine Zukunft für ihn in diesem Metier.

Tja, selbst die Besten irren sich.

Wassili Smyslow (1957–1958)

Wassili Smyslow

Wassili Smyslow (1921–2010) war ein leiser Virtuose. Der gebürtige Moskauer besass eine imposante Bariton-Stimme und stand kurz vor einer Karriere als Opernsänger, bevor er sich ganz dem Schach widmete. Diese musikalische Seele spürte man auch auf dem Brett: Smyslow suchte nicht die rohe Berechnung, sondern die perfekte Harmonie der Figuren.

Er galt als einer der grössten Endspielkünstler aller Zeiten. Seine präzise Technik und sein scharfes taktisches Gespür ermöglichten es ihm, selbst in scheinbar ausgeglichenen Endspielen, noch winzige Vorteile zu finden und konsequent zu verwerten. Wladimir Kramnik nannte ihn später ehrfürchtig "die Wahrheit im Schach".

Sein Weg zum Thron führte über die Schweiz: 1953 gewann er das legendäre Kandidatenturnier in Zürich. Dies führte zum ersten WM-Kampf 1954, der jedoch 12:12 endete, wodurch Botwinnik den Titel behielt.

Smyslow liess jedoch nicht locker, gewann 1956 erneut das Kandidatenturnier (in Amsterdam) und besiegte Botwinnik schliesslich 1957. Zwar verlor er den Titel im direkten Rückkampf 1958 wieder, doch das war längst nicht das Ende.

Seine vielleicht grösste Leistung ist seine unglaubliche Langlebigkeit: 1984 – fast 30 Jahre nach seinem WM-Titel! – qualifizierte er sich sensationell mit 63 Jahren noch einmal für das Finale der Kandidatenkämpfe. Dort traf er auf den jungen Garry Kasparow. Dass er in diesem Alter noch bis ins Finale vorstiess, ist eine historische Bestmarke – vergleichbar wohl nur mit der Ausdauer der Schweizer Legende Viktor Kortschnoj.

Zudem hält er einen weiteren beeindruckenden Rekord: Mit insgesamt 17 gewonnenen Olympiamedaillen (9-mal Gold mit der Mannschaft, 8 Einzelmedaillen) ist er der erfolgreichste Teilnehmer in der Geschichte der Schacholympiaden.

Smyslow blieb dabei stets ein Gentleman. Er war bekannt für seine ruhige, besonnene Art und interessierte sich tief für Philosophie. Sein Wissen gab er weiter: Smyslows Schachbücher sind bis heute wertvolle Quellen für Spieler aller Stärkeklassen.

Michail Tal (1960–1961)

Michail Tal

Wenn Botwinnik die Ordnung verkörperte, war Michail Tal (1936–1992) das pure Chaos. Der "Magier aus Riga" spielte Schach, als stünde das Brett in Flammen. Er gilt als das grösste Angriffstalent der Geschichte.

Sein Aufstieg war raketenhaft: 1959 dominierte er das Kandidatenturnier in Jugoslawien mit 20 von 28 Punkten und deklassierte dabei den jungen Bobby Fischer mit 4:0. Im WM-Match 1960 überrollte der 23-Jährige dann den Strategen Botwinnik.

Tals Stil war revolutionär: Er opferte Figuren nicht aus Not, sondern aus Prinzip. Oft waren seine Opfer objektiv "inkorrekt", doch am Brett entfalteten sie eine solche psychologische Wucht, dass selbst Grossmeister die Übersicht verloren. Sein berühmtes Credo lautete:

Du musst deinen Gegner in einen tiefen, dunklen Wald führen, wo 2+2=5 ist und der Pfad, der hinausführt, nur breit genug für einen.

Doch Tals Flamme brannte oft zu heiss. Er litt von Geburt an unter Ektrodaktylie (ihm fehlten Finger an der rechten Hand), was ihn aber nicht davon abhielt, ein brillanter Pianist zu sein. Viel schlimmer waren seine chronischen Nierenleiden, die durch seinen exzessiven Lebensstil (Kettenrauchen und Alkohol) verschlimmert wurden. Er verlor den Titel schon 1961 im Rückkampf, als er gesundheitlich angeschlagen war.

Wer jedoch glaubt, Tal sei nur ein kurzes Feuerwerk gewesen, irrt sich. In den 70er Jahren erfand er sich neu und stellte zwei oft vergessene Rekorde auf: 1973/74 blieb er in 95 aufeinanderfolgenden Partien ungeschlagen (ein Rekord, den erst Ding und Carlsen Jahrzehnte später brachen). Zudem wurde er 1988, kurz vor seinem Tod, der erste offizielle Blitz-Schachweltmeister.

Tal war ein Publikumsliebling, bekannt für seinen Galgenhumor. Als der junge Kasparow einmal ein Figurenopfer unterliess, weil er nicht alles durchrechnen konnte, riet ihm Tal:

Gewöhn dir das mal an, Garri: Erst opfern, dann rechnen!

Tal starb viel zu früh mit 55 Jahren, doch seine Partien voller Magie und Risiko bleiben unsterblich.

Tigran Petrosjan (1963–1969)

Tigran Petrosjan

Nach dem Feuerwerk von Tal folgte eine Eiszeit. Tigran Petrosjan (1929–1984) war das komplette Gegenteil seines Vorgängers. Wo Tal das Risiko suchte, wähnte sich Petrosjan nach der absoluten Sicherheit.

Sein revolutionäres Konzept war die Prophylaxe: Er erahnte gegnerische Gefahren, lange bevor sie auf dem Brett sichtbar wurden, und erstickte sie im Keim. Gegner verzweifelten reihenweise an ihm, weil er wie eine Pythonschlange spielte – langsam, unerbittlich und tödlich.

Dieser extreme Fokus auf Sicherheit war wohl kein Zufall, sondern ein Spiegel seiner harten Kindheit. Petrosjan wuchs in Tiflis in armenischen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete dort als Hausmeister in einem Offizierskasino. Der Zweite Weltkrieg traf ihn mit voller Härte: Er verlor beide Elternteile und musste sich als jugendlicher Waise mit Gelegenheitsarbeiten (u.a. als Strassenkehrer) durchschlagen. In dieser entbehrungsreichen Zeit erkrankte er schwer und verlor das Gehör auf einem Ohr. Wer so früh lernt, dass das Leben gnadenlos ist, geht auch am Brett keine unnötigen Risiken mehr ein.

1963 beendete Petrosjan endgültig die Ära Botwinnik. Er zermürbte den Patriarchen mit endloser Geduld. 1966 verteidigte er seinen Titel erfolgreich gegen Boris Spasski. Wenn Kritiker seinen Stil als langweilig bezeichneten, konterte er trocken:

Man sagt, meine Partien sollten interessanter sein. Ich könnte interessanter spielen – und verlieren.

Seine Karriere hatte jedoch auch politische Schattenseiten. Er galt als loyaler Vertreter des sowjetischen Systems und geriet später heftig mit dem Dissidenten und späteren Schweizer Viktor Kortschnoj aneinander. Ihre Duelle waren von tiefem persönlichem Hass geprägt: Man verweigerte den Handschlag, beschimpfte sich und trat sich angeblich sogar unter dem Tisch gegens Schienbein.

In seiner Heimat Armenien löste Petrosjan einen beispiellosen Schachboom aus, der bis heute anhält. Er wird dort als unantastbarer Nationalheld verehrt – eine Wertschätzung, die so tief in der Kultur verwurzelt ist, dass sein Porträt sogar auf armenischen Geldscheinen ziert.

Sein Gehörleiden nutzte er am Ende als strategische Waffe. Es heisst, in kritischen Momenten oder wenn ihm ein Remis-Angebot des Gegners nicht passte, schaltete er einfach sein Hörgerät aus, blendete die Welt komplett aus und spielte ungerührt weiter.

Boris Spasski (1969–1972)

Boris Spasski

Boris Spasski (1937–2025) war weit mehr als nur "der Mann, der gegen Fischer verlor". Er war ein Schach-Wunderkind, das früh Rekorde brach. Mit 18 Jahren wurde er 1955 zum damals jüngsten Grossmeister der Schachgeschichte ernannt.

Doch seine Kindheit in Leningrad war traumatisch – er überlebte die Belagerung sowie eine Bombardierung seines Evakuierungszuges. Als sein Vater ihn 1943 aus einem Kinderheim in Sibirien abholte, war der Junge dem Hungertod nahe und konnte kaum noch stehen. Vielleicht entwickelte sich daraus jene Gelassenheit, die ihn später auszeichnete.

Schachlich war Spasski ein Universalgenie und hatte praktisch keine Schwächen. Er konnte wie Tal angreifen (sein Königsgambit ist legendär) oder wie Petrosjan verteidigen. Nachdem er 1966 im ersten Anlauf noch knapp an Petrosjan gescheitert war, entthronte er den "Eisernen Tigran" 1969 souverän und bestieg den Schach-Olymp.

Doch in Erinnerung geblieben ist vor allem das Jahr 1972, das "Match des Jahrhunderts" in Reykjavík gegen Bobby Fischer. Mitten im Kalten Krieg war das Duell politisch aufgeladen wie nie zuvor. Spasski blieb jedoch ein Sportsmann durch und durch. Als Fischer in der 6. Partie eine Glanzleistung ablieferte, erhob sich Spasski und applaudierte seinem Gegner – eine Geste von unglaublicher Grösse, die ihm die sowjetischen Funktionäre zu Hause übel nahmen. Er verlor den Titel, gewann jedoch weltweit Respekt.

Auch nach seinem Titelverlust blieb Spasski Weltklasse. 1973 gewann er die extrem stark besetzte sowjetische Meisterschaft (eines der härtesten Turniere jener Zeit) und 1977 kämpfte er sich noch einmal bis ins Finale der Kandidatenwettkämpfe vor, wo er Kortschnoj unterlag.

Privat war Spasski ein Freigeist, der sich im strengen Sowjet-Korsett nie wohlfühlte. Er heiratete eine Französin und emigrierte legal nach Frankreich. Seine Freundschaft zu Fischer überdauerte alle Krisen. 1992 spielten sie sogar ein kontroverses Revanche-Match im kriegsgebeutelten Jugoslawien.

Nach einer mysteriösen Rückkehr nach Russland im Jahr 2012 verbrachte er seinen Lebensabend zurückgezogen in Moskau, wo er im Februar 2025 im Alter von 88 Jahren verstarb.

Bobby Fischer (1972–1975)

Bobby Fischer

Robert James "Bobby" Fischer (1943–2008) ist der wohl berühmteste Schachspieler aller Zeiten und zugleich der tragischste. Er war der "Mozart aus Brooklyn", der sich das Spiel weitgehend selbst beibrachte und als Einzelkämpfer gegen die gewaltige sowjetische Schachmaschine antrat.

Schon als Teenager sprengte er alle bisherigen Dimensionen. Mit 14 Jahren wurde er der jüngste US-Champion aller Zeiten, ein Jahr später der damals jüngste Grossmeister der Geschichte. In Amerika spielte er in einer eigenen Liga – unvergessen bleibt sein "Fischer-Ergebnis" bei der US-Meisterschaft 1963/64: perfekte 11 von 11 Punkten. Sein Buch "My 60 Memorable Games" gilt bis heute als die Bibel des modernen Schachs, obwohl Fischers aktive Karriere extrem kurz war.

Seine Dominanz auf dem Weg zum Thron grenzte an Wahnsinn. Im Kandidatenzyklus 1971 demütigte er zwei Weltklasse-Grossmeister (Mark Taimanow und Bent Larsen) mit jeweils 6:0 – ein Ergebnis, das im Profischach als statistisch unmöglich galt. Er zerstörte die sowjetische Vorherrschaft quasi im Alleingang, noch bevor er überhaupt das Finale erreichte.

Dann kam 1972: Reykjavík. Das "Match des Jahrhunderts" gegen Boris Spasski. Die Weltpresse inszenierte es als ultimativen Showdown der Systeme. Fischer gewann. Der Hollywoodstreifen "Pawn Sacrifice" erzählt die Geschichte in einem sehenswerten Blockbuster.

Fischer blieb ein Rätsel. Sein enormes Selbstvertrauen grenzte oft an Arroganz, war aber stets gepaart mit einem trockenen Humor.

Eine berühmte Anekdote aus Reykjavík verdeutlicht dies: Damals waren sogenannte Hängepartien noch üblich – Partien, die nach einer gewissen Bedenkzeit unterbrochen und erst am nächsten Tag zu Ende gespielt wurden. Während das sowjetische Team im Kollektiv die ganze Nacht verbissen analysierte, schlug Fischers Sekundant Bill Lombardy vor, ebenfalls die Stellung zu prüfen. Fischer winkte nur ab:

Was meinst du mit analysieren? Der Typ ist ein Patzer. Lass uns bowlen gehen!

Doch nach dem Triumph folgte der wohl tiefste Absturz der Sportgeschichte. 1975 weigerte sich Fischer, seinen Titel gegen Anatoli Karpow zu verteidigen, weil die FIDE seine lange Liste an Bedingungen nicht zu 100% erfüllte. Faktisch legte er damit die Krone nieder und verschwand für 20 Jahre spurlos von der Bildfläche.

Als er 1992 für ein bizarres Revanche-Match gegen Spasski im sanktionierten Jugoslawien wieder auftauchte, spuckte er vor laufenden Kameras auf das Schreiben der US-Regierung. Er wurde per Haftbefehl gesucht, verlor seine Staatsbürgerschaft und irrte als staatenloses Gespenst durch die Welt.

Seine genialen Gedanken wurden zunehmend von Paranoia und virulentem Antisemitismus verdrängt – obwohl seine eigene Mutter Jüdin war. Da Fischer nie am Brett besiegt wurde, betrachtete er sich selbst bis zu seinem Lebensende als den einzig rechtmässigen Titelträger und tat alle nachfolgenden FIDE-Weltmeisterschaften – etwa zwischen Karpow, Kortschnoj und Kasparow – als illegitime, im Voraus abgekartete Wettkämpfe ab.

Ironie des Schicksals: Er starb vereinsamt mit 64 Jahren (exakt so viele Felder hat das Brett) ausgerechnet in Reykjavík, dem Ort seines grössten Triumphs.

Anatoli Karpow (1975–1985)

Anatoli Karpow

Anatoli Karpow (geb. 1951) hatte wohl den schwierigsten Start von allen. 1975 wurde er zum Weltmeister ernannt, ohne einen einzigen Zug gespielt zu haben, weil Fischer nicht antrat.

Die Schachwelt nannte ihn spöttisch einen „Papier-Champion“. Doch Karpow strafte sie Lügen: Er spielte in den nächsten zehn Jahren fast jedes Superturnier, das er finden konnte, und obsiegte in den meisten. Karpow ist ein Rekordsammler par excellence. Im Laufe seiner Karriere gewann er weit über 100 Turniere auf Weltklasseniveau. Ob beim legendären "Turnier der Sterne" in Montreal 1979, oder bei seinem Triumph im prestigeträchtigen Linares 1981: Seine Turnierbilanz in dieser Dekade ist eine der dominantesten der Geschichte.

Sein Stil unterschied sich stark von Fischers Dynamik, weshalb man ihn die "Würgeschlange" (Boa Constrictor) nannte. Karpow griff selten direkt an. Stattdessen nahm er dem Gegner langsam den Platz zum Atmen, verbesserte seine Stellung millimeterweise und erdrückte ihn strategisch. Gegen ihn zu spielen, fühlte sich an wie das Versinken in Treibsand: Je mehr man zappelte, desto schneller ging man unter.

Politisch war Karpow das ideale Aushängeschild der Sowjetunion: loyal, angepasst und systemtreu. Er galt als Liebling von Staatschef Leonid Breschnew, was ihn zum natürlichen Gegenspieler der Rebellen machte. 1978 verteidigte er seinen Titel in einem skurrilen Psychokrieg gegen den Dissidenten Viktor Kortschnoj. Es war der Kampf "Musterknabe" gegen "Verräter", bei dem sogar Parapsychologen und die Farbe des Joghurts als Waffen eingesetzt wurden.

Auch das spätere Marathon-Duell gegen Garry Kasparow (ab 1984) war ein Systemkampf: Karpow verkörperte die alte Ordnung, Kasparow den Agenten des Wandels. Ihr erstes Match wurde nach fünf Monaten und 48 Partien abgebrochen, als Karpow 5:0 führte, aber physisch am Ende war. Er verlor den Titel 1985, blieb aber noch jahrelang ein extrem gefährlicher Gegner.

Privat ist Karpow, der eine der wertvollsten Briefmarkensammlungen der Welt besitzt, bis heute eng mit der Macht verknüpft. Er sitzt als Abgeordneter der Regierungspartei in der russischen Duma und unterstützt den politischen Kurs des Kremls aktiv.

Funfact: Karpow spielte in seiner langen Karriere gegen alle Weltmeister von Michail Botwinnik (geb. 1911) bis Magnus Carlsen (geb. 1990) – eine einmalige Brücke durch die Zeit.

Garry Kasparow (1985–2000)

Garry Kasparow

Mit Garry Kasparow (geb. 1963) betrat ein Spieler die Bühne, der das Schachspiel mit seiner Energie für immer verändern sollte. Man nannte ihn das "Biest von Baku", nicht nur wegen seiner Herkunft, sondern wegen seiner furchteinflössenden Präsenz am Brett. Kasparow spielte nicht einfach Schach, er suchte die totale Dominanz.

Seine Rivalität mit Anatoli Karpow zählt zu den legendärsten Zweikämpfen der Sportgeschichte. Zwischen 1984 und 1990 spielten sie fünf WM-Matches und insgesamt 144 Partien gegeneinander, ein Marathon der Feindseligkeit. 1985, mit nur 22 Jahren, stürzte Kasparow seinen Erzfeind und wurde zum jüngsten Schachweltmeister aller Zeiten (ein Rekord, der erst 2024 von Gukesh gebrochen wurde).

Kasparows Spielstil war pure Dynamik. Während andere vorsichtig taktierten, suchte er in komplexen Eröffnungen wie Sizilianisch Najdorf oder Königsindisch bewusst das absolute Chaos, weil er wusste, dass er besser rechnen konnte als jeder andere. Seine Vorbereitung war legendär tief, unterstützt von den ersten Schachdatenbanken, die er als Pionier einsetzte.

Doch nicht nur geistig, auch physisch war er eine Erscheinung: Er schnaufte, schnitt Grimassen, knallte die Figuren aufs Brett und fixierte seine Gegner mit einem stechenden Blick, der viele Grossmeister schon vor dem ersten Zug psychisch brach.

Seine Dominanz war erdrückend: 255 Monate (über 21 Jahre) lang führte Kasparow die Weltrangliste ununterbrochen an. Selbst als er seinen WM-Titel im Jahr 2000 sensationell an seinen Schüler Wladimir Kramnik verlor, der ihn mit dessen eigenen Waffen, der tiefen Vorbereitung, schlug, blieb er der stärkste Spieler.

Doch auch er fand seinen Meister – in der Maschine. 1997 verlor er gegen den IBM-Supercomputer Deep Blue. Ein Schockmoment für die gesamte Schachwelt. Besonders die zweite Partie brach Kasparows Moral: Der Computer spielte einen Zug, der so "menschlich" und strategisch tief wirkte, dass Kasparow Betrug witterte.

Er war überzeugt, dass ein Grossmeister heimlich für die Maschine eingegriffen hatte. Kasparow forderte wütend Einsicht in die Log-Dateien, doch IBM lehnte ab und demontierte den Computer kurz darauf. Diese Ungewissheit verfolgte ihn jahrelang, markierte aber unwiderruflich den Moment, in dem Silizium über Gehirn triumphierte.

Im Jahr 2005 zog er einen radikalen Schlussstrich. Er trat nicht als Weltmeister ab, aber immer noch als unangefochtene Nummer 1 der Weltrangliste. Er tauschte den Bauernkrieg gegen die echte Politik und wurde zu einem der schärfsten Kritiker von Wladimir Putin. Heute lebt die Schachlegende als Aktivist im Exil in den USA.

Buchtipp: In "Winter is Coming" analysiert er die politische Weltlage, während er in „Meine grossen Vorkämpfer“ seinen Vorgängern ein literarisches Denkmal setzt.

Wladimir Kramnik (2000–2007)

Wladimir Kramnik

Wladimir Kramnik (geb. 1975) schaffte im Jahr 2000, was man 15 Jahre lang als unmöglich hielt: Er entthronte Garry Kasparow. Dieser Sieg in London war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer brillanten strategischen Neuorientierung. In seiner Jugend galt Kramnik als aggressiver Angriffsspieler, doch für das Match gegen das "Biest von Baku" definierte er sich neu.

Kramnik setzte konsequent auf Neutralisation. Mit der Berliner Verteidigung, die heute seinetwegen als "Berliner Mauer" bekannt ist, nahm er Kasparow jegliche Dynamik aus dem Spiel. Er zwang ihn in trockene, komplexe Endspiele, in denen Kasparows Rechenpower wirkungslos verpuffte. Das Resultat war ein Schock: Der Titelverteidiger gewann keine einzige Partie.

Kramnik darauf zu reduzieren, wäre jedoch falsch. Sein Stil wandelte sich im Laufe seiner Karriere immer wieder. Nach dem Titelgewinn spielte er universeller, belebte die Katalanische Eröffnung neu und zeigte ein tiefes positionelles Verständnis, das oft mit jenem von Capablanca verglichen wurde.

Er verteidigte seinen Titel 2004 knapp gegen Péter Lékó und schrieb 2006 erneut Geschichte, als er im "Vereinigungs-Match" gegen Weselin Topalow siegte und damit die 13-jährige Spaltung der Schachwelt beendete.

Dieses Match gegen Topalow ging allerdings auch als "Toiletgate" in die Annalen ein: Topalows Team beschuldigte Kramnik, zu oft auf die Toilette zu gehen (angeblich um zu schummeln), woraufhin die privaten Badezimmer versiegelt wurden. Kramnik liess sich von diesem Psychokrieg nicht beirren und gewann nervenstark im Tie-Break.

Körperlich hatte Kramnik oft mit einer schmerzhaften Form von Arthritis zu kämpfen, was seinen Rücktritt vom Turnierschach 2019 beschleunigte. Doch "Big Vlad" bleibt prägend: Er fördert Supertalente wie den deutschen Vincent Keymer und sorgt im Online-Schach regelmässig für hitzige Debatten, weil er leidenschaftlich und oft kontrovers gegen das Thema Cheating kämpft.

Viswanathan Anand (2007–2013)

Viswanathan Anand

Mit Viswanathan "Vishy" Anand (geb. 1969) endete die Ära der sowjetisch-russischen Dominanz. Der Inder ist ein echtes Phänomen.

Er lernte das Spiel von seiner Mutter und wurde in einem Land ohne moderne Schachtradition zum ersten Grossmeister. Heute ist er in Indien ein Volksheld, der einen Schach-Boom auslöste, dessen Früchte wir in Spielern wie Gukesh sehen.

In seiner Jugend nannte man Anand ehrfürchtig "The Lightning Kid" (das Blitz-Kind), weil er selbst in den kompliziertesten Stellungen fast ohne Bedenkzeit zog. Seine Intuition gilt als eine der schnellsten der Schachgeschichte. Er sah Lösungen, während andere noch rechneten. Wladimir Kramnik sagte respektvoll über ihn:

Ich habe ihn immer als kolossales Talent betrachtet, eines der grössten in der gesamten Schachgeschichte.

Seine Vielseitigkeit brachte ihm einen einzigartigen Rekord ein. Anand ist der einzige Spieler, der den WM-Titel in allen drei Formaten gewann – im K.o.-System (2000), im Rundenturnier (2007) und im klassischen Match (verteidigt 2008, 2010, 2012).

Auch seine Turnierbilanz ist gigantisch: Er gewann fünfmal das legendäre Turnier in Wijk aan Zee und dreimal das elitäre Linares. Selbst als viele ihn bereits abgeschrieben hatten, schlug er zurück und wurde 2017 mit 48 Jahren sensationell noch einmal Schnellschach-Weltmeister.

Doch was Anand wirklich auszeichnet, ist seine Persönlichkeit. In einer Welt voller Exzentriker blieb er stets ein bescheidener Gentleman. Seine Fairness brachte ihm so viel Respekt ein, dass ihm sogar seine grössten Rivalen Kasparow, Kramnik und Carlsen 2010 gemeinsam halfen, sich auf das WM-Match gegen Topalow vorzubereiten. Ein bis heute einmaliger Akt der Solidarität.

Magnus Carlsen (2013–2023)

Magnus Carlsen

Magnus Carlsen (geb. 1990) ist nicht nur Weltmeister, er markiert eine Zäsur in der Schachgeschichte. Sein Aufstieg war märchenhaft: Schon mit 13 Jahren wurde er Grossmeister und sorgte beim Rapid-Turnier in Reykjavík 2004 weltweit für Schlagzeilen, als er im Blitz den Ex-Weltmeister Anatoli Karpow schlug und im Schnellschach den legendären Garry Kasparow an den Rand einer Niederlage brachte.

Mit 19 Jahren wurde er die jüngste Nummer 1 der Weltrangliste aller Zeiten. Im Mai 2014 erreichte er die damals beispiellose Elo-Zahl von 2882.

Sein Spielstil ist für Gegner ein Albtraum, weil er keine echten Schwächen offenbart. Während Kasparow seine Gegner oft schon in der Eröffnung überrollte, zerrmürrbt Carlsen sie gerne im Endspiel. Er besitzt die beinahe übernatürliche Fähigkeit, aus völlig toten, ausgeglichenen Stellungen noch winzige Gewinnchancen zu pressen, wie Wasser aus einem Stein.

Carlsen spielt unbeirrt weiter, hochkonzentriert und fehlerfrei, bis der Gegner nach fünf, sechs oder sieben Stunden aus purer Erschöpfung den entscheidenden Fehler begeht. Zwischen 2018 und 2020 blieb er so in unglaublichen 125 klassischen Partien in Folge ungeschlagen.

Seine fünf WM-Kämpfe sind eindrucksvoll. 2013 reiste er in die "Höhle des Löwen" nach Chennai und entthronte dort den indischen Volkshelden Viswanathan Anand souverän, ohne eine einzige Partie zu verlieren. Nach einer erfolgreichen Titelverteidigung 2014 (erneut gegen Anand) wurde es dramatisch:

  • 2016 in New York trieb ihn der russische "Verteidigungsminister" Sergej Karjakin an den Rand einer Niederlage. Carlsen lag zurück, zeigte Nerven, kämpfte sich aber in den Tie-Break. Dort beendete er das Match an seinem Geburtstag mit einem spektakulären Damenopfer, das um die Welt ging.
  • 2018 in London lieferte er sich mit Fabiano Caruana ein Duell auf Augenhöhe, bei dem erstmals in der Geschichte alle 12 klassischen Partien Remis endeten. Im Schnellschach-Stechen jedoch demonstrierte Carlsen seine Überlegenheit und fegte den US-Amerikaner mit 3:0 vom Brett.
  • Sein letztes Meisterstück folgte 2021 in Dubai gegen Ian Nepomnjaschtschi. Nach fünf Remis gewann Carlsen die sechste Partie – ein epischer Kampf über 136 Züge und fast 8 Stunden (die längste WM-Partie aller Zeiten). Dieser Sieg brach den Willen seines Gegners. Carlsen gewann das Match vorzeitig mit einem erdrückenden 7,5:3,5.

Dass er 2023 seinen Titel freiwillig niederlegte, war kein Rückzug, sondern ein klares Statement. Sein Motto bleibt simpel und kompromisslos:

Manche Leute denken, wenn der Gegner eine schöne Partie spielt, ist es okay zu verlieren. Ich nicht. Du musst gnadenlos sein.

Doch Carlsen ist mehr als nur ein Spieler, er ist der Architekt des modernen Schachs. Er empfindet das klassische Format mit seinen langen Bedenkzeiten oft als zu langsam und durch Computer-Vorbereitung "ausgerechnet". Sein Credo: Schach soll schneller, spannender und fernsehtauglich werden. Er gründete eigene Online-Touren, etablierte Schach als E-Sport und gilt als grösster Fürsprecher von Fischer-Random (Freestyle Chess).

Funfact: Sein strategisches Genie beschränkt sich nicht nur auf die 64 Felder. Kurioserweise erreichte er im Dezember 2019 zeitweise Platz 1 der Weltrangliste im "Fantasy Premier League"-Spiel unter mehr als sieben Millionen Teilnehmern.

Ding Liren (2023–2024)

Ding Liren

Ding Liren (geb. 1992) ist der erste chinesische Schachweltmeister und neben Euwe der unerwartetste Titelträger der Geschichte. Sein Weg auf den Thron gleicht einem Märchen aus glücklichen Zufällen: Er rutschte nur ins Kandidatenturnier, weil ein Konkurrent (Sergej Karjakin) disqualifiziert wurde. Und er durfte nur um die WM spielen, weil der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen keine Lust mehr hatte.

Doch wer glaubt, Ding sei lediglich ein Glückspilz, liegt falsch. Er war jahrelang eine feste Grösse unter den Top 3 der Welt. Seine Klasse bewies er, als er China 2014 und 2018 nahezu im Alleingang zu olympischem Gold führte.

Sein wohl grösstes sportliches Ausrufezeichen setzte er 2019 beim prestigeträchtigen Sinquefield Cup: Dort schlug er im Tie-Break niemanden Geringeren als Magnus Carlsen – eine Leistung, die nur den allerwenigsten vergönnt ist. Legendär ist auch seine Serie von 2017 bis 2018, als er in 100 klassischen Partien in Folge ungeschlagen blieb.

Sein Stil ist universell, geprägt von tiefer Berechnungskraft und einer fast stoischen Ruhe. Diese Ruhe wurde 2023 in Astana auf die ultimative Probe gestellt. Im WM-Match gegen den Russen Ian Nepomnjaschtschi lag er mehrfach hinten, kämpfte sich aber immer wieder zurück. Die Entscheidung fiel im allerletzten Moment des Schnellschach-Stechens.

In einer ausgeglichenen Stellung, in der jeder Computer ein Remis prognostizierte, lehnte Ding eine Zugwiederholung ab und spielte stattdessen den riskanten Zug 46…Tg6. Er setzte alles auf eine Karte, um zu gewinnen – und wurde belohnt. Nepomnjaschtschi brach unter dem Druck zusammen.

Ding ist ein Anti-Star. Er spricht offen über seine Selbstzweifel, seine Ängste und den gewaltigen Druck, die Hoffnungen einer ganzen Nation zu tragen. Seine Ehrlichkeit macht ihn nahbar. Nach dem Titelgewinn wirkte er oft erschöpft und verletzlich, was zeigt, welchen Tribut das Spiel auf höchstem Niveau fordert. Er sagte einmal leise:

Ich will nicht berühmt sein. Ich will einfach nur meine Ruhe haben und Schach spielen.

Gukesh Dommaraju (seit 2024)

Gukesh Dommaraju

Mit Gukesh Dommaraju (geb. 2006) beginnt eine neue Zeitrechnung. Als er Ende 2024 in Singapur Ding besiegte, war er gerade einmal 18 Jahre alt. Damit brach er den uralten Rekord von Kasparow und wurde zum jüngsten Schachweltmeister der Geschichte. Gukesh ist der erste Champion, der im Zeitalter von Supercomputern geboren wurde – ein "Digital Native", für den Engines so natürlich sind wie die Luft zum Atmen.

Sein Aufstieg war raketenhaft: Mit 12 Jahren Grossmeister, mit 17 Jahren Sieger des Kandidatenturniers in Toronto. Was Experten jedoch am meisten verblüfft, ist nicht sein Talent, sondern seine unheimliche Reife. Während andere Teenager impulsiv spielen, agiert Gukesh mit der stoischen Ruhe eines Veteranen. Er rechnet tief, macht fast keine Fehler und lässt sich durch nichts aus der Fassung bringen. Sein Spielstil wird oft als "tödliche Präzision" beschrieben.

Doch sein Triumph hat einen Beigeschmack, für den er nichts kann: Da Magnus Carlsen nicht antrat, diskutieren Experten über die Einordnung des Titels. Garry Kasparow beispielsweise sieht Gukesh aktuell nicht in der direkten historischen Reihe der Weltmeister von Steinitz bis Carlsen. Der Grund: 1975 verschwand Bobby Fischer vollständig vom Schachbrett, was Karpow zum unangefochtenen Herrscher machte. Heute ist die Situation anders: Der stärkste Spieler der Welt (Carlsen) dominiert weiterhin viele Turniere, er verzichtet lediglich auf den offiziellen WM-Titelkampf.

Gukesh begegnet dieser Kritik mit der Gelassenheit eines Sadhus. Er ist das Gesicht der neuen Schach-Supermacht Indien und sieht sich als Vollender des Erbes von Viswanathan Anand. Auf die Frage, wie er dem immensen Druck standhält, gab er eine Antwort, die seine Philosophie perfekt zusammenfasst:

Ich spiele nicht gegen Personen oder die Geschichte. Ich spiele gegen die Stellung auf dem Brett.

Die Zukunft der Schachkrone

Als jüngster Weltmeister der Geschichte verkörpert Gukesh eine neue Generation, die Schach nahezu ausschliesslich mit Supercomputern erlernt hat. Analyse, Vorbereitung und selbst Intuition entstehen dabei oft am Bildschirm. Doch wie sicher ist sein Platz auf dem Schachthron?

Die Antwort entscheidet sich auf dem Schachbrett, aber sie beginnt im Kopf. Was Gukesh von vielen Rivalen unterscheidet, ist seine extreme mentale Stabilität. Selbst in schwierigen Stellungen oder langen Verteidigungsschlachten bleibt er bemerkenswert ruhig – eine Schlüsselwährung im modernen Spitzenschach. Was spricht darüber hinaus für Gukesh?

  • Sein Alter: Er hat noch mindestens ein Jahrzehnt, bevor er seinen spielerischen Peak erreicht.
  • Indische Infrastruktur: Unterstützt von einer Schachnation und Ikonen wie Viswanathan Anand, trainiert er unter nahezu idealen Bedingungen.

Doch all diese Vorteile garantieren keine Alleinherrschaft. Trotz seiner Stärke agiert Gukesh nicht im luftleeren Raum. Er ist nicht der einsame Dominator, sondern die sichtbarste Figur einer aussergewöhnlichen Generation – die "Young Guns":

  • Nodirbek Abdusattorow: Taktisch brillant, physisch stark, mit echtem Killerinstinkt – besonders gefährlich in scharfen, unübersichtlichen Partien.
  • Arjun Erigaisi: Unkonventionell, mutig und stets auf Gewinn aus – gerade darin liegt seine Gefahr für jeden etablierten Champion.
  • R. Praggnanandhaa: Ein herausragender Theoretiker mit Champion-Potenzial, dessen Eröffnungskenntnisse und Positionsspiel aussergewöhnlich reif sind.
  • Alireza Firouzja: Das wohl grösste Naturtalent dieser Generation, zugleich die unberechenbarste Variable. Wenn alles zusammenpasst, ist er für jeden Gegner brandgefährlich.
  • Vincent Keymer: Universell stark und bemerkenswert konstant. Er verkörpert die leise, aber ernste Bedrohung aus Deutschland.

Und doch kreist über all diesen Namen noch immer ein grosser Schatten: Magnus Carlsen. Solange der Norweger Turniere dominiert, bleibt ein Asterisk hinter jedem Titel. Carlsen ist der Massstab, an dem sich alle messen lassen müssen. Ein direktes Duell wäre das ultimative Kräftemessen der Generationen.

Entscheidend ist heute nicht nur das Gegenüber als auch die Epoche, in der gespielt wird. Durch Engines ist Wissen nicht mehr exklusiv, sondern jederzeit abrufbar. Der Abstand zwischen den Besten schrumpft. Regelmässige Thronwechsel werden wahrscheinlicher. Laskers 27-jährige Regentschaft dürfte ein Rekord für die Ewigkeit bleiben.

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