Die mechanische Schachuhr ist tot – lang lebe die digitale Schachuhr!

11771 Views Kommentare

Die Delegierten der Schachvereine haben beschlossen, bei allen Teamwettkämpfen eine Bedenkzeit mit Bonus pro Zug anzuwenden. Dies erstmals an der SMM 2017 und SGM 2017/18. Das wirft Fragen auf. Wir geben Antworten.

Schachuhren und Zeitnot

Früher wurde ohne Schachuhren gespielt. Jeder brütete solange über seinem Zug, wie er wollte. Mit den ersten Zeitmessern wurde es sportlicher, mental anspruchsvoller und in Zeitnotphasen hektischer. Nebst Können war nun auch Nervenstärke, Intuition und das Glück des Tüchtigen gefragt.

Die Vorteile der Zeitbeschränkung sind unbestritten: Partien und Turniere finden ein rechtzeitiges Ende. Hobbyspieler hoffen auf einen Lucky Punch bzw. Einsteller des Gegners und selbst Profis nutzen die Standardausrede:

Ohne Zeitnot hätte ich das locker gewonnen!

Ohne Uhr geht nichts mehr

Sicher ist, dass ohne Uhren im Turnierschach nichts mehr geht. Wie Turnier- oder Mannschaftsleiter wissen, überschlagen sich in Zeitnot zweier Spieler die Ereignisse. Der Schiedsrichter sollte manchmal an diversen Brettern gleichzeitig Züge notieren und Kiebitze respektive Tippgeber hinter die Schranken verweisen. Selbst bestandene Turnierspieler müssen auf das Reglement hingewiesen werden, da sie in der Hektik ungültige Züge ausführen, das Schreiben vergessen oder fälschlicherweise Remis verlangen. Die Partie des Mannschaftsleiters führt in dieser Phase ein Eigenleben...

Ex-Schachweltmeister Bobby Fischer erkannte das Problem und «sein» Fischermodus nahm sich diesem Punkt an. Gemäss Delegiertenbeschluss erhalten die Spieler nun für 40 Züge 90 Minuten, gefolgt von 30 Minuten für den Rest der Partie und einem Zeitzuschlag von 30 Sekunden pro Zug ab Beginn. Dafür muss man jeden (!) Zug bis zum Schluss notieren, Remis reklamieren in ausgeglichnen Stellungen ist nicht mehr möglich, genau so wenig wie Hängepartien.

Zusammen mit den modernen Paarungsprogrammen ist der Fischermodus DIE Erfindung für Spielleiter in Vereinen. Diese beiden Elemente erlauben es ihm, selbst ohne Stress am Klubturnier teilzunehmen.

Ist die Zeit der mechanischen Uhren abgelaufen?

Ja, was Vereine und Turniere betrifft. Nein, was Trainings und freie Partien angeht. Hier leistet die mechanische Uhr weiterhin gute Dienste. Besonders Senioren, Einsteiger und Hobbyspieler schätzen die analogen Modelle wie unser folgender Blogbeitrag zeigt:

Der Nachwuchs sollte mit digitalen Uhren trainieren, weil bei allen nationalen- und vielen regionalen Turnieren der Fischermodus angewendet wird. Sie tun Ihren Schützlingen keinen Gefallen, wenn Sie mit mechanischen Uhren üben und die Kids am Turnier erstarren, wenn was digitales vor ihren Augen blinkt.

Eine Ausnahme bilden die SSB-Mannschaftsturniere, wo die Teams abends spielen. Diese werden nicht verpflichtet den Fischermodus zu übernehmen, weil die Partien zu lange dauern könnten. Ähnliches gilt für den Klubabend. Wer sich Sorgen wegen der Polizeistunde macht, schaut sich die Partieformulare der letzten zwei bis drei Klubmeisterschaften an. Anhand der Anzahl Züge können Sie beurteilen, ob Partien zu lange gedauert hätten.

Auswahl, Anschaffung und Ausbildung

Für Vereine ohne Erfahrung mit dem Fischersystem, bedeutet die neue Regelung eine kleine Revolution. Die Beschaffung neuer Schachuhren will überlegt sein und der Vorstand tut gut daran, sich von Funktionären, Händlern oder Kollegen beraten zu lassen.

Einige digitale Uhren haben die SMM/SGM Bedenkzeit bereits vorinstalliert, bei anderen lässt sie sich manuell programmieren. Leider gibt es digitale Modelle, die diesen Fischermodus nicht umsetzen können. Zudem hat jeder Klub interne Turniere mit eigenen Bedenkzeiten. Deshalb sind digitale Uhren zu empfehlen, welche nebst den Standardbedenkzeiten auch freie Programmplätze besitzen.

Die Angst des Umsteigers, dass die Batterien aus dem Nichts leer sind, ist unbegründet. Die Uhren warnen früh vor einem Batterieexodus. Brechen Sie also nicht in Panik aus, wenn während der Partie plötzlich die Batteriewarnung aufleuchtet. Es reicht, wenn der Materialwart die Stromspeicher nach der Partie austauscht.

Planen Sie die Anschaffung und wählen Sie eine Schachuhr, welche in der Schweiz verbreitet ist. Schachspieler lesen wie andere Menschen keine Bedienungsanleitungen. Mit ein bisschen Übung ist die Handhabung einer Schachuhr unproblematisch, drückt man allerdings ziellos auf den Knöpfen rum, kann sich eine Uhr schon mal aufhängen. Bei verbreiteten Uhren wie zum Beispiel der DGT 2010/2500 ist diese Gefahr sehr klein, da sich die meisten Akteure mit ihr auskennen.

[list products="142,30151"]

Wer sich nicht mit Einfuhrbestimmungen, Fremdwährungen, Versandkosten und Garantiedschungel beschäftigen will, ist bei einem nationalen Händler bestens aufgehoben. Bei Fragen beraten wir Sie auch gerne persönlich: info@chesspoint.ch oder 032 675 95 60

Das Budget der meisten Schachvereine ist begrenzt. Deshalb profitieren Sie bei chesspoint.ch ab fünf bzw. zehn Uhren von einem speziellen Mengenrabatt! Lassen Sie sich allerdings nicht zu sehr von nackten Preisen blenden. Die Serviceleistung zwischen den einzelnen Anbietern variiert stark: Testlauf vor Verkauf, Batterien inbegriffen, gratis Programmierung, Garantieleistungen, Lieferzeit, Beratung usw.

Geld sparen Sie vor allem, indem Sie ein Gesuch bei Stiftungen bzw. SwissLos eingeben. Weitere Informationen zu diesem Thema erhalten Sie in unserem folgenden Artikel:

Es lohnt sich, an einem Klubabend die beschafften Uhren vorzustellen und zu erklären. Der professionelle Turnierleiter setzt gleich ein kleines Turnier mit Fischermodus um. Auf den Uhrenschachteln kann er die wichtigsten Einstellungen Punkt für Punkt beschreiben: Klubmeisterschaft, Cup, SMM usw.

Wir empfehlen, einige mechanische Uhren im Pool zu belassen. Fällt eine digitale Uhr aus, ist der mechanische Ersatz sofort betriebsbereit. Die Spieler setzen die Partie «mechanisch» fort und der Turnierleiter kann in Ruhe eine andere digitale Uhr gemäss Modus, gemachten Zügen/Zeit einstellen und anschliessend den Tausch vornehmen.

Welches Modell?

Schachuhren gibt es wie Sand am Meer. Im Folgenden stellen wir die bekanntesten Modelle vor, wobei wir hauptsächlich zu DGT Produkten raten.

FIDE anerkannt: DGT 2010/2500 und DGT 3000

Die niederländische Firma Digital Game Technology verfügt schon weit über 20 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von digitalen Schachuhren. Die DGT 2010 und DGT 3000 gehören zur neusten Generation und sind aus dem Turnierschach nicht wegzudenken.

Topmodelle: DGT 2010 und DGT 3000

Beide Uhren sind einfach zu programmieren und erfüllen die Vorgaben von FIDE bzw. SSB. Sie gelten als sparsam, was den Batterieverbrauch anbelangt. Für die Erstanschaffung empfehlen wir immer diese Modelle, wobei die günstigere DGT 2010/2500 vollkommen ausreicht.

[list products="142,30151,318,3482"]

Der schweizerische Schachbund vertraut an den Einzelmeisterschaften (SEM) ebenfalls auf diese Uhr. Die Luxusvariante DGT 3000 wird nur benötigt, falls mit einem Sensorbrett Partien live ins Internet übertragen werden sollen.

Der Dino: DGT 2000

Die DGT 2000 ist in vielen Schweizer Vereinen seit 1994 im Einsatz. Leider hat sie einen Programmfehler und ist nur noch bedingt zu empfehlen. Die Uhr kann nur mit aktiviertem Zugzähler, die geforderte SSB-Bedenkzeit umsetzen. Zugzähler sind von der FIDE an sich verboten, dürfen aber auf Anregung der SG Winterthur dennoch an SSB-Turnieren eingesetzt werden.

Die in die jahregekommene DGT 2000 hat ausserdem ein Abnützungsproblem: Die Halterung im Batteriefach wird brüchig. Es empfiehlt sich, dies regelmässig zu kontrollieren. Falls eine Uhr ausgemustert wird, kann man die Batteriehalterung ausbauen und als Ersatz behalten.

Die DGT 2000 ist im Handel nicht mehr erhältlich, gilt als «Stromfresser» und ist vergleichsweise laut. Wer sie bereits hat und sich auskennt, hat aber kaum Probleme. Als Übergangslösung geeignet, raten wir allerdings von einer Occasionsanschaffung ab, da das Lebensende jeder DGT 2000 absehbar ist.

Bewährt aber weniger bekannt: BHB Digital, DGT XL und Merex 600

Die beiden erstgenannten Uhren sind schon lange auf dem Markt und einige Nutzer schwören auf sie. Sie können die geforderte Bedenkzeit umsetzen, müssen aber manuell programmiert werden. Durchschnittlich Begabte schaffen das in der Regel locker.

Ältere Schachuhren

Die DGT XL hat einen Nachteil: Erscheint das Batteriewarnsignal sollte man laut schachschiedsrichter-nrw.de schnell reagieren. Uns ist allerdings kein Fall bekannt, wo die Uhr während der Partie den Geist aufgab. Die BHB Digital wartet zwar seit längerem auf ein Update, funktioniert aber trotzdem zuverlässig.

Beide Uhren sind Auslaufmodelle. Die Beschaffung ist nur sinnvoll, wenn man bereits solche Modelle im Materialschrank stehen hat und die eigenen Spieler nicht mit mehreren Typen überfordern will. Für die Erstanschaffung sind sie nur bedingt zu empfehlen.

Die Merex 600 ist im Prinzip dieselbe Uhr wie die DGT 2010 allerdings mit anderer Gehäusefarbe, teurer und ohne FIDE Zertifizierung. Entscheiden Sie sich also lieber für das Original!

Exoten: Saitek, Garde Digital und Timer Silver

Neben den bekannten Modellen von DGT und BHB versuch(t)en auch einige andere Hersteller im digitalen Schachuhren Segment Fuss zu fassen. Aus verschiedenen Gründen führen wir diese Modelle nicht in unserem Sortiment.

International erlangte die Timer Silver Uhr eine gewisse Akzeptanz und ist manchmal in Deutschland anzutreffen. So wirbt der Hersteller damit, dass die Teambedenkzeit des Schachbundes fest eingespeichert sei. Dies ist für den deutschen Schachbund richtig, aber nicht für den Schweizerischen! Die Uhr ist solide, aber die Bedienung unterscheidet sich stark von DGT bzw. BHB und wird einigen Klubmitgliedern wohl Kopfzerbrechen bereiten.

Die Garde Digital aus Holz versprüht einen Hauch von Tradition und Eleganz, dennoch empfehlen wir diese Uhr nicht. Rein technisch und preislich gesehen, spricht nichts dagegen. Der Versuch eines Hybriden mechanischer und digitaler Uhr hat sich aber einfach nicht durchgesetzt. Ausserdem ist die Bedienung zumindest gewöhnungsbedürftig.

Saitek bietet diverse Modelle an. Es gilt von Uhr zu Uhr zu prüfen, was bezüglich Fischerzeit möglich ist. Saitek entwickelt sich seit Jahren kaum weiter und ist deshalb aus unserer Sicht keine ideale Lösung für Vereine. Mit schachshop.ch gibt es in der Schweiz einen Händler, den Sie bei Interesse an Saitek Uhren angehen können.

Fazit

Trotz der Tradition und grosser Stabilität was die Regeln anbelangt, müssen auch Schachfreunde für Neuerungen offen sein. Der Schachsport entwickelt sich und passt sich den neusten Gegebenheiten an. Schlussendlich überlebte das königliche Spiel wohl genau deshalb zwei Jahrtausende und wird auch dann noch gespielt, wenn die heute noch nicht existierende Modesportart «Känguru Synchronreiten» längst wieder verschwunden ist.

Bei der Wahl von Schachuhren für den Verein gilt es genau zu prüfen, welche Bedenkzeiten erfüllt werden müssen. Mit der Standarduhr DGT 2010/2500 kann man allerdings nicht viel falschen machen!

loading ...